
Seit 1991 haben jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion die Möglichkeit, als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen. Damit wurde den jüdischen Einwanderern ein privilegierter Sonderstatus gewährt, der mit dem neuen Zuwanderungsgesetz von 2005 wieder eingeschränkt wurde. Bis heute sind ca. 190 000 Juden eingewandert, etwa 80 000 haben sich jüdischen Gemeinden angeschlossen und diese damit vor Mitgliederschwund und Überalterung bewahrt.
Die ukrainische Familie Listunov ist seit Dezember 2004 in Deutschland. In der neuen, fremden Heimat erlebt sie ein ständiges Wechselspiel aus Erwartungen und Enttäuschungen. Die Listunovs gaben eine Altbauwohnung im historischen Stadtkern von Lwiw/Lemberg auf und leben heute in einer Sozialwohnung, nahe einem großen Chemiewerk am Rhein. Kontakt zu Deutschen findet hauptsächlich in Amtsstuben statt. Die mangelnde Aussicht auf Arbeit ist für den knapp 50-jährigen Vater Misha, der wie seine Frau Olga Ingenieurwesen studiert hat, ernüchternd. Trotz seines hohen Bildungsniveaus, welches die Mehrheit der jüdischen Emigranten auszeichnet, sieht er für sich nur geringe Chancen, ins Berufsleben zurückzukehren. Tochter Lena war in der Ukraine eine hervorragende Schülerin, in Deutschland lernte sie innerhalb weniger Monate die Sprache und besucht bereits das Gymnasium.
Obwohl die Listunovs in Lemberg rege am kulturellen und religiösen Gemeindeleben teilnahmen, haben sie sich in Deutschland noch keiner Gemeinde angeschlossen. Trotz ihres fundierten Wissens über das Judentum und seine Traditionen ziehen sie es vor, säkular zu leben.
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Daniel Müller
*1979 in Hamburg
lebt und arbeitet in Hamburg
http://www.daniel-mueller.com